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DIE SALIER IN SPEYER
Das Evangeliar Heinrichs III. für den Marien-Dom zu Speyer, geschrieben und gemalt im Skriptorium des Benediktinerklosters Echternach 1045/46, heute bewahrt mit der Signatur Codex Vitrinas 17 in der Real Biblioteca de San Lorenzo El Escorial, ist zweifelsohne ein monumentales Werk. Doch seine über die puren Abmessungen hinaus gegebene Größe resultiert aus der historischen Bedeutung des Auftraggebers der Handschrift, des Skriptoriums, das sie schuf, und der Dynastie, deren realer wie ideeller Ausdruck sie wurde.
Der Auftraggeber Heinrich III. war ein Spross aus dem Hause der Salier, geboren am 28. Oktober 1017, gestorben am 5. Oktober 1056, begraben im Speyerer Dom, wobei sein Herz in der Ulrichskapelle in Goslar bestattet ist. Im Februar 1026 designiert, wurde Heinrich zu Ostern des Jahres 1028 zehnjährig in Aachen zum König gewählt und von Erzbischof Pilgrim von Köln gesalbt und gekrönt. Nachdem ihm zuvor schon die Herzogtümer Bayern und Schwaben verliehen worden waren, empfing er im Herbst 1038 die Königswürde für das seit 1033 mit Deutschland verbundene Königreich Burgund. Nach dem Tode seines Vaters 1039 übernahm Heinrich die Regierung des Reiches, das unter seiner Herrschaft einen Höhepunkt kaiserlicher Macht erlangte. Der monumentale Codex ist im Sinne des Auftraggebers nicht nur als Stiftung für den Speyerer Dom anzusehen, der alle Kirchenbauten Europas übertreffen und die Einheit von Kirche und Staat symbolisieren sollte. Er war auch ein Geschenk an Maria, die Patronin Heinrichs wie auch der Salier, vor dem Aufbruch des Königs nach Rom zur Kaiserkrönung 1046.
Das Skriptorium, welches für das größte Evangeliar Verantwortung zeichnete, das je hergestellt wurde, war das des Benediktiner-Klosters in Echternach, eines heute in Luxemburg gelegenen, damals überragenden Zentrums der Buchmalerei. Dort entstand das Vierevangelienbuch mit seinem Buchstabe für Buchstabe in Gold geschriebenen Text und minutiös gemäß der Formkraft biblischer Zahlen und Symbole gestaltet. Mit vier prunkvollen Vorhang-Seiten, zwölf monumentalen Kanontafeln, vier prächtigen Autorenbildern der Evangelisten sowie der graphisch, ornamental und bildlich überaus reichen Gestaltung wurde ein künstlerisches Höchstmaß in der Buchkunst erreicht, das niemals übertroffen wurde. Die Häute einer ganzen Kalbsherde waren nötig zur Herstellung, die in nur neun Monaten gelang, vom Programmentwurf über die Materialbeschaffung, die Schreib- und Malarbeit bis zur Einbandgestaltung: bei dieser Qualität eine absolute Glanzleistung, die keinem Faksimile-Verlag auch bei Anwendung allermodernster Techniken in solch kurzer Zeit möglich ist.
Ein realer wie auch ideeller Widerschein der Spiritualität des salischen Königtums entsteht mit diesem vornehmsten liturgischen Buch des Mittelalters. Unter dem Geschlecht der Salier erfährt das Heilige Römische Reich seine größte Ausdehnung. Ein Buch wie ein Dom kristallisiert Macht und Kultur einer Dynastie, die mit nur vier Regenten im Ganzen - Konrad II., Heinrich III., IV. und V. – eine hundertjährige Herrschaft begründete. Es war Heinrich III., der Speyer dabei ungleich stärker förderte als sein Vater Konrad. Das Evangeliar für den Marien-Dom zeigt in seinen Herrscherbildern die salische Dynastie, wie sie sich um 1045 konstituiert hatte. Das Widmungsbild illustriert die demütige Geste Heinrichs, welcher – begleitet von seiner Gattin Agnes - der Hl. Maria das Goldene Evangelienbuch überreicht, die ihrerseits als Himmelskönigin vor dem Speyerer Dom thront.
Die Salier in Speyer – ihre Anwesenheit entfaltet im Bau des Domes und der komplementären Schaffung und Darbringung des Codex Aureus, den wir auch Speyerer Evangeliar nennen können, höchste Strahlkraft. Überreicht zur Weihe des Hochaltars im August 1046, vor nun bald 965 Jahren, macht das Werk das Ideal Heinrichs einer am Recht orientierten Herrscherethik visuell-haptisch in eindrucksvoller Weise erfahrbar. Es ist sichtbares Zeichen herrschaftlichen Selbstverständnisses, das die dauerhafte Realität kaiserlicher Macht über den Inhaber dieser Würde stellt. 1061, vor 950 Jahren, wird der salische Kaiserdom geweiht. Vor 900 Jahren, im Jahre 1111, wird mit Heinrich V. in Rom der letzte salische König zum Kaiser gekrönt.
Noch einmal, im Jahre 1220 wird eine Speyerer Prachthandschrift, das Speyerer Evangelistar, eine vergleichbar hohe Würde symbolisieren. Es ist ein prachtvoll ausgestattetes Festtagsevangelistar, welches vermutlich im Auftrag des späteren Speyerer Bischofs Konrad von Tann entstand. Der noch in Teilen aus dem 13. Jahrhundert erhaltene originale Prunkeinband aus getriebenem, vergoldetem Silber ist besetzt mit Halbedelsteinen und spätantiken Gemmen. Nur die Abschnitte aus den Evangelien sind textlich enthalten, die während der Messe verlesen werden (Perikopen). Zum Speyerer Domschatz gehörig, ist es ein beredtes Synonym für buchkünstlerische Repräsentation von Herrschaftsdenken, wenn auch die Zeit der großen Salierherrscher bereits ihr Ende gefunden hat.
Informationen zu Faksimiles beider Handschriften unter www.codex-aureus.de
und www.speyerer-evangelistar.de
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